Schüleraustausch

mit Parkhill Secondary School in Glasgow

Am 08.05.2017 startete eine Gruppe von 6 Schülerinnen aus zwei Berufsvorbereitungsjahr-Klassen (Hotel/Gastronomie und Hauswirtschaft/Pflege) mit 2 Lehrkräften zu einer Reise nach Glasgow um dort Einblicke in den schottischen Schul- und Lebensalltag zu bekommen, Erfahrungen in einem anderen europäischen Land zu sammeln und eine Schulpartnerschaft zwischen den beiden Einrichtungen aufzubauen.

Vorbereitungsphase

Auswahl der Schülerinnen

Nachdem mehr Schülerinnen an dem Austauschprogramm teilnehmen wollten als Plätze vorhanden waren, mussten aus 22 SchülerInnen 6 ausgewählt werden. Im Klassenlehrer-Team wurden dazu Auswahlkriterien erstellt, die für die geplante Reise als notwendig erachtet wurden (Zuverlässigkeit, Offenheit und Kommunikationsbereitschaft, physische wie psychische Belastbarkeit und die Bereitschaft, Grundkenntnisse in englischer Sprache zu erwerben). Anhand dieser Kriterien schätzten sich die SchülerInnen zunächst selbst ein, im Anschluss wurden ihre Einschätzungen mit denen der Lehrkräfte verglichen. Aus den verbliebenen 9 Schülerinnen wurde mittels Los die Reisegruppe gebildet. Dieses Auswahlverfahren war für die Klassengemeinschaft nicht einfach: Die SchülerInnen standen in direkter Konkurrenz zueinander, es wurde offen über Stärken und Schwächen debattiert und letztendlich entschied dann auch noch das Losglück. Die Frustrationstoleranz der Nichtreisenden wie das angemessene Verhalten der Reisenden, stellte die Klassengemeinschaft zunächst stark auf die Probe, in der Auseinandersetzung gewann jedoch die Gemeinschaft eine neue Qualität, die sich auch im Lern-und Arbeitsverhalten der Klasse positiv widerspiegelt.

Kooperation mit dem Amt für Internationale Beziehungen der Stadt Nürnberg

Im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Nürnberg und Glasgow entstand zwischen den Vertreterinnen der beiden Städte, Fr. Plewinski und Mrs. Walsh, die Idee, eine Schulpartnerschaft für SchülerInnen mit besonderem Förderbedarf anzuregen. Dieser Gedanke darf als wegbereitend und einzigartig für Förderberufsschulen eingeschätzt werden. Zumal es sich bei unseren SchülerInnen sehr häufig um sozial und finanziell benachteiligte Jugendliche handelt, die nicht über die Möglichkeiten verfügen, an privaten Austauschprogrammen teilzunehmen. Nur durch die Kostenübernahme für Flug und Übernachtung durch die beiden Städte wurde den Schülerinnen diese Reise ermöglicht.

Vorbereitung der mitreisenden Schülerinnen

Nachdem an der Schule zur sonderpädagogischen Förderung nicht zwangsläufig alle SchülerInnen im Fach Englisch unterrichtet werden und es an unserer Berufsschule zur sonderpädagogischen Förderung nur in wenigen Fachklassen Teil des Lehrplans ist, verfügten die mitreisenden Schülerinnen kaum über englische Sprachkenntnisse. Durch das Engagement einer ehemaligen Kollegin konnten sie sich in mehreren Unterrichtsstunden Grundkenntnisse in Englisch aneignen.

Zudem erstellten sie, wie auch die schottischen AustauschschülerInnen, Steckbriefe, die sie sich gegenseitig zusandten und die eine erste Kontaktaufnahme zwischen den SchülerInnen darstellte.

Desweiteren wurde ein Vorbereitungstreffen mit den Reisenden und ihren Eltern durchgeführt. Themen waren v.a. Reisemodalitäten, Reiseprogramm und britische Besonderheiten.

Für eine mitreisende Schülerin aus einem Nicht-EU-Land (Montenegro) wurden zahlreiche Telefonate mit dem Konsulat und der Meldebehörde der Stadt Fürth (Wohnsitz der Schülerin) geführt, um die notwendigen Reiseunterlagen zu erhalten.

Durchführung der Reise

Die Schülergruppe startete am 08.05.2017 vom Flughafen Nürnberg. Als problematisch erwies sich allerdings die Reise für die Schülerin aus dem Nicht-EU-Staat. Bei jeder Passkontrolle wurde die Richtigkeit der Reisedokumente gesondert überprüft und in Frage gestellt. Die persönliche Belastbarkeit der Schülerin und der gesamten Reisegruppe wurde somit gleich zu Beginn auf eine harte Probe gestellt.

In Glasgow angekommen, wurden wir sehr herzlich von SchülerInnen und VertreterInnen unserer Partnerschule in Empfang genommen und zu unserem Quartier gebracht. Am Abend trafen wir uns zu einem gemeinsamen Abendessen. Trotz der vorhandenen sprachlichen Barrieren spürte man von beiden Seiten eine große Offenheit und Freude daran, sich gegenseitig kennenzulernen. Die Anforderungen (fremde Umgebung, fremde Menschen, fremde Sprache, fremde Währung), die bereits an diesem ersten Abend an die Schülerinnen gestellt wurden, und deren Bewältigung ließen sie fortan immer mehr Selbstvertrauen gewinnen, so dass die Sprachbarrieren zunehmend sanken und ein reger Austausch zwischen den SchülerInnen stattfand.

Der Dienstag Vormittag war dem Schulleben gewidmet: Zunächst bereiteten die Schülerinnen zusammen mit Schülerinnen der Parkhill Secondary School schottischen Lachs mit Beilagen zu (auch hier gab es keinerlei sprachliche Barrieren, die Tätigkeiten wurden durch die Lehrkraft vorgeführt, die Schülerinnen übertrugen die Tätigkeiten auf ihre eigene Arbeit). Anschließend wurde uns zu Ehren eine Schulversammlung abgehalten, bei der jede Klasse der gastgebenden Schule eine Präsentation zu verschieden Themen (Glasgow und Umgebung, Speisen, Kiltmuster, Musik und Tanz ...) schottischen Lebens hielt. Obwohl die deutschen Schülerinnen den Präsentationen sprachlich nicht folgen konnten, erschloss sich ihnen die Arbeit der Klassen und der Respekt und die Wertschätzung, die dadurch zum Ausdruck gebracht wurde. Der Nachmittag war der Geschichte des Landes gewidmet bei einem Ausflug zur Burg von Edinburgh. Neben der Vergangenheit des Landes wurde dabei auch immer wieder die aktuelle politische Situation Schottlands thematisiert (Austritt GB aus der EU gegen den Willen eines Großteils der schottischen Bürger und deren Volksvertreter).

Einblicke in die Arbeitswelt in den Fachbereich Hotellerie/Gastronomie/Hauswirtschaft konnten die Schülerinnen am folgenden Tag bei einer Führung durch das Hilton Hotel Glasgow gewinnen. Die Parkhill Secondary School kooperiert mit diesem Hotel und integriert Abschlussschüler in fortlaufenden Praktika (2 Tage pro Woche) im Hotel mit dem Ziel der späteren Arbeitsaufnahme. Nach einer Führung durch das Haus (vor und hinter die Kulissen) wurden die einzelnen Arbeitsbereiche des Hotels durch die/den jeweiligen Abteilungsleiter/in vorgestellt (von der Haustechnik über Küche zu Zimmerservice bis zu Restaurant und Bar). Dabei wurden die beruflichen Tätigkeiten wie die notwendige Voraussetzungen erläutert. Während in Deutschland sehr häufig Vorbehalte gegenüber einer Einstellung von Menschen mit besonderem Förderbedarf zu beobachten sind (gerade in hochklassigen Hotels), war es in Glasgow tatsächlich so, dass die Abteilungsleiter Werbung machten, um Schüler für freie Stellen im Hotel zu gewinnen.

Bei einem anschließenden Empfang im Rathaus wurden wir vom höchsten Repräsentanten der Stadt (Lord Provost) willkommen geheißen und der beiderseitige Wille, die Schulpartnerschaft wachsen zu lassen und den SchülerInnen einen Austausch zu ermöglichen, wurde bekräftigt. Die Erfahrung des gelebten protokollarischen Zeremoniells hinterließ bleibenden Eindruck bei den Schülerinnen. Sehr häufig konnten wir in anschließenden Gesprächen hören, wie aufregend es war, tatsächlich vom Stadtoberhaupt empfangen zu werden und mit ihm persönlich zu sprechen.

Der Tag wurde abgerundet durch eine Stadtführung am Nachmittag und am Abend durch gemeinsames Bowling. Beide Schülergruppen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits zu einer Jugendgruppe, die einfach Spaß hatte und dabei mühelos kommunizierte, verschmolzen.

 

Der vierte Tag begann mit einer gemeinsamen fachspezifischen Einheit in einer Kochakademie. Diese schulexternen Einrichtungen unterstützen die SchülerInnen beim Erwerb berufsspezifischer Fertigkeiten, hier Zubereitung eines Hefeteigs und Fertigen einer Pizza und sind ein bedeutender Schritt vom Schutzraum Schule hin in die Arbeitswelt.

Bei einem Ausflug an die Küste nach Largs und auf die vorgelagerte Insel Cumbrea wurde gemeinsam Freizeit gestaltet. Per Rad wurde die Insel umrundet (9 Miles, Anlass zum Umrechnen der Maßeinheiten) und den Herausforderungen des Linksverkehrs Rechnung getragen.

Zurück im Hotel bereiteten die deutschen Schülerinnen noch eine kleine Rede vor, bei der sich jede am morgigen Abschlusstag bei unseren Gastgebern, in deren Landessprache, bedanken wollte. Mithilfe der Lehrkräfte wurde übersetzt, teilweise in Lautschrift Notizen gemacht und die Sätze eingeübt.

Der Freitag stand zunächst im Zeichen der Kunst (Besichtigung der Universität und Besuch der Kelvingrove Art Gallery & Museum) und ab Mittags im Zeichen des Abschied. Wir waren eingeladen an der wöchentlichen Abschlussversammlung der Schule teilzunehmen. In diesem Rahmen werden Aktivitäten/ Leistungen der vergangenen Woche dargestellt und gewürdigt. Auch der Besuch der Gäste war ein Programmpunkt: Bei einer Fotopräsentation konnten alle Schulmitglieder noch einmal mitverfolgen, was innerhalb der Woche gemeinsam unternommen und gelernt wurde. Im Anschluss daran präsentierten unsere Schülerinnen mutig vor der gesammelten Schulgemeinde ihre vorbereiteten Reden. Die anschließende gegenseitigen Geschenkübergabe war geprägt von Erinnerung an die gemeinsame Zeit in Schottland und Vorfreude auf den Besuch in Deutschland. Der Abschied fiel allen Beteiligten sichtlich schwer, war es doch eine Woche mit vielen neuen Erfahrungen und Freunden.

Nachbetrachtung und Ausblick

„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“ (F. Kafka)

Die überaus erlebnisreiche Woche bescherte den Schülerinnen mit individuellen Förderbedarf einen Erfahrungszuwachs, eine Steigerung ihrer Lern- und Leistungsbereitschaft und ein persönliches Reifen wie es ein halbes Schuljahr kaum vermag. Die Schülerinnen überschritten sooft ihre persönliche Grenzen und fanden stets Unterstützung, die Herausforderungen positiv zu meistern.

Die große Gastfreundschaft der Mitglieder unserer schottischen Partnerschule, ihre Herzlichkeit und ihre Offenheit ermöglichten einen tiefen Einblick in andere Lebenswelten, immer gepaart mit Respekt und Wertschätzung den Mitmenschen gegenüber.

In den folgenden Unterrichtswochen seit unserer Reise zeigt sich, welch nachhaltigen Einfluss die Reise auf Selbstvertrauen, Motivation, Kommunikationsbereitschaft und -fähigkeit auf alle teilnehmenden Schülerinnen hat. Der Erwerb einer Fremdsprache basiert nun auf intrinischer Motivation. Gerade in den Bereichen Hotellerie/Gastronomie/Hauswirtschaft sind Sprachkenntnisse zum einen häufig Einstellungskriterium und zum anderen bieten sie auch die Möglichkeit im Ausland eine berufliche Tätigkeit aufzunehmen. Daher wird das Hauptanliegen von erasmus+ , „Better employability opportunities for all“, über Maßnahmen wie diesen Schüleraustausch hervorragend umgesetzt. Berufsreife und Beschäftigungsfähigkeit konnten deutlich gesteigert werden.

Mit der Planung und Gestaltung des Gegenbesuchs bieten sich im Moment vielfach Anlässe zum selbstständigen Lernen. Auch das eigene Umfeld (Schule, Stadt) wird mit neuen Augen gesehen, Vergleiche werden gezogen, Veränderungen machen nicht mehr Angst, sondern sind positiv besetzt.

Nichtzuletzt durch die Reise-Probleme der Nicht-EU-Schülerin erlebten sich die Schülerinnen als Europäerinnen, fanden Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit ihren neuen schottischen Freunden und lernten so die Vielfalt als bereicherndes Element kennen und schätzen. In diesem Sinne diente die Reise durchaus der Völkerverständigung und Friedenssicherung, ganz im Sinne von Alexander von Humboldt, der sagte: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Leider sind die finanziellen Mittel unserer SchülerInnen und deren Eltern vielfach stark begrenzt, so dass Reisen oft nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist. Um unseren SchülerInnen weiterhin ein solches Lernangebot ermöglichen zu können, ist daher eine monitäre Unterstützung und Förderung durch externe Stellen zwingend notwendig, da die Möglichkeiten der Schule Einnahmen zu generieren über Benefiz-Essen etc. ebenfalls nur begrenzt möglich sind.

Alle an der Reise Beteiligten freuen sich sehr darauf, unsere Gäste in 3 Wochen hier in Nürnberg begrüßen zu dürfen und ihnen eine ebenso erlebnisreiche Zeit zu ermöglichen und ihnen ein weltoffenes Bild unserer Region präsentieren zu können.

Gudrun Müller

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